Wie kannst du vor dem heiligen Gott bestehen, wenn dein Herz täglich Sünde hervorbringt? Die Antwort ist nicht in dir zu finden, sondern allein in Christus. Martin Luther fasste diese biblische Wahrheit in vier Worten zusammen: simul iustus et peccator.
Der Christ steht in einer Spannung, die der menschliche Verstand nicht auflösen kann und die das Fleisch nicht ertragen will. Doch gerade in dieser Spannung liegt die ganze Herrlichkeit des Evangeliums und die vollkommene Rettung allein aus Gnade. Wer diese Wahrheit nicht versteht, versteht das Evangelium nicht. Wer sie verwirft, verwirft Christus selbst.
Der Apostel Paulus ringt im Römerbrief mit dieser gewaltigen Wirklichkeit. Er schreibt in Römer 7,14-15: „Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich.“ Hier spricht kein ungläubiger Mensch, sondern ein erneuerter, wiedergeborener Apostel Christi. Und wenige Verse später bekennt er in Römer 7,24-25: „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe? Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!“
Das ist die Doppelwirklichkeit des christlichen Lebens: totale Sündhaftigkeit in sich selbst und totale Gerechtigkeit in Christus.
Luther erkannte diese biblische Wahrheit in seiner Vorlesung zum Römerbrief von 1514/15, als er Römer 4,7 auslegte: „Selig sind, deren Übertretungen vergeben und deren Sünden bedeckt sind!“ Hier liegt der Schlüssel: Gott rechnet dem Gläubigen die Sünde nicht an, sondern bedeckt sie mit der Gerechtigkeit Christi. Der Christ wird nicht durch eigene Veränderung oder moralische Verbesserung gerecht, sondern durch Gottes Zurechnung, durch seine göttliche Erklärung und sein mächtiges Wort.
Hüte dich vor dem tödlichen Irrtum der Heuchler, die meinen, sie seien in sich selbst gerecht geworden! Sie betrachten ihre guten Werke, ihre Fortschritte, ihre religiösen Übungen und bilden sich ein, dadurch vor Gott gerecht zu stehen. Das ist nicht Evangelium, sondern blanke Werksgerechtigkeit. Es ist nicht die Freiheit der Kinder Gottes, sondern die alte Knechtschaft unter dem Gesetz. Es ist nicht das Leben, das Christus schenkt, sondern der Tod, der den Menschen trifft, wenn er sich selbst zum Erlöser macht.
Wer so lebt, vertraut nicht auf die Gnade, sondern auf die eigene Leistung – und gerade darin verliert er das, was Gott allein geben kann: Frieden, Vergebung, neues Leben. Der Heuchler sagt: „Ich bin gerecht geworden.“ Der wahre Christ aber bekennt: „Ich bin und bleibe ein Sünder, aber Christus ist meine Gerechtigkeit.“ Der Unterschied könnte nicht größer sein.
Paulus macht dies in Römer 3,23-24 unmissverständlich klar: „Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“ Höre diese Worte genau: Sie sind allesamt Sünder – nicht „sie waren“, sondern „sie sind“. Und dennoch: Sie werden gerecht – nicht durch eigene Leistung, sondern ohne Verdienst aus seiner Gnade.
Hier zeigt sich das simul in seiner ganzen biblischen Schärfe und Schönheit: Der Christ bleibt – solange er in diesem Fleisch lebt – in sich selbst ein Sünder, angefochten, gebrochen, unfertig. Und zugleich wird er um Christi willen vollkommen gerecht gesprochen, getragen von einer Gerechtigkeit, die nicht aus ihm kommt, sondern ihm zugesagt wird. Er ist nicht gerecht in sich, sondern gerecht vor Gott, weil Christus seine Gerechtigkeit ist.
Diese Wahrheit ist keine theologische Spitzfindigkeit für gelehrte Disputationen. Sie ist vielmehr das tägliche Brot des Christen, seine Zuflucht in der Anfechtung, sein Trost im Gewissen. Wenn du morgens erwachst und dein Herz dich anklagt wegen der Sünde, die noch in dir wohnt, dann fliehe nicht zu deinen guten Vorsätzen oder religiösen Übungen. Fliehe zu Christus allein! Denn in ihm bist du vollkommen gerecht, auch wenn du in dir selbst noch Sünde findest.
Der Prophet Jesaja verkündigt in Jesaja 53,6: „Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.“ Siehst du die gewaltige Wahrheit? Unsere Sünde – alle unsere Sünde – wurde auf Christus gelegt. Nicht nur die vergangene Sünde, nicht nur die Sünde vor der Bekehrung, sondern alle Sünde, auch die gegenwärtige, auch die Sünde, die noch in uns wohnt und wirkt. Christus trug sie alle am Kreuz. Und im Austausch gibt er uns seine Gerechtigkeit. Das ist der fröhliche Wechsel, von dem Luther spricht: Christus nimmt unsere Sünde, wir empfangen seine Gerechtigkeit.
Aber höre gut zu, denn hier droht ein gefährliches Missverständnis, das viele zum Verderben geführt hat. Manche hören von dieser Wahrheit und denken: „Wenn ich zugleich gerecht und Sünder bin, dann kann ich ja sündigen, wie ich will. Die Gnade deckt alles zu.“ Das ist nicht Freiheit, sondern Frevel! Das ist nicht Evangelium, sondern Gotteslästerung! Das ist billige Gnade. Paulus antwortet auf solche verderblichen Gedanken in Römer 6,1-2: „Was sollen wir nun sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, damit die Gnade um so mächtiger werde? Das sei ferne! Wie sollten wir in der Sünde leben wollen, der wir doch gestorben sind?“
Der wahre Christ hasst die Sünde, die noch in ihm wohnt. Er kämpft gegen sie, er ringt mit ihr, er stöhnt unter ihrer Last. Aber er gründet seine Gerechtigkeit nicht auf diesen Kampf, sondern auf Christus allein. Seine Heiligung ist real, aber unvollkommen. Seine Rechtfertigung aber ist vollkommen, weil sie auf Christi vollkommenem Werk ruht. Luther drückt es so aus: Der Christ ist „semper peccator, semper penitens, semper iustus“ – immer Sünder, immer büßend, immer gerecht.
Betrachte den Apostel Johannes, den Jünger, den Jesus liebte. Er schreibt in 1. Johannes 1,8-9: „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.“ Johannes schreibt dies nicht an Ungläubige, sondern an Christen – an Gläubige, an die Gemeinde. An dich und an mich. Auch der reife Christ, auch der geheiligste Heilige muss täglich seine Sünde bekennen und täglich Vergebung suchen. Wer meint, er habe keine Sünde mehr, der ist nicht besonders heilig, sondern besonders verblendet.
Diese Wahrheit hat gewaltigen Trost für den angefochtenen Christen. Wie oft liegt der Gläubige nachts wach und ringt mit seiner Sünde! Wie oft verzweifelt er an sich selbst, an seinen Rückfällen, an seiner Schwachheit! Wie oft fragt er sich: „Bin ich überhaupt errettet? Bin ich wirklich ein Christ?“ Hier ist deine Antwort: Schaue nicht auf dich selbst, schaue auf Christus! Deine Gerechtigkeit liegt nicht in deiner Heiligung, so wichtig diese auch ist.
Sie liegt in Christus, in seinem vollbrachten Werk, in seinem Blut, das für dich vergossen wurde.
Paulus triumphiert in Römer 8,1: „So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.“ Höre diese Worte mit glaubendem Herzen: Keine Verdammnis! Nicht „weniger Verdammnis“, nicht „reduzierte Verdammnis“, sondern überhaupt keine Verdammnis für die, die in Christus sind. Und warum? Nicht weil sie in sich selbst gerecht geworden wären, sondern weil Christus ihre Gerechtigkeit ist.
Weiter schreibt Paulus in Römer 8,33-34: „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.“
Das ist der feste Grund, auf dem der Christ steht. Nicht sein eigenes Herz, nicht seine eigene Gerechtigkeit, nicht seine eigenen Fortschritte – sondern Christus allein. Satan mag dich anklagen wegen deiner Sünde, und er hat recht damit, dass du Sünder bist. Dein eigenes Gewissen mag dich verdammen, und es hat recht damit, dass Sünde in dir wohnt. Aber Christus steht zur Rechten Gottes und vertritt dich. Seine Gerechtigkeit ist deine Gerechtigkeit. Sein vollkommenes Leben wird dir zugerechnet. Sein Tod hat deine Schuld bezahlt.
Diese Wahrheit hat auch gewaltige Auswirkungen auf das praktische christliche Leben. Der Christ, der das simul versteht, wird weder hochmütig noch verzweifelt. Er wird nicht hochmütig, weil er weiß, dass er in sich selbst ein Sünder bleibt. Er wird nicht verzweifelt, weil er weiß, dass er in Christus vollkommen gerecht ist. Er lebt in einer heiligen Demut und zugleich in einem fröhlichen Vertrauen.
Betrachte, wie dies im Alltag wirkt. Wenn du mit deinem Ehepartner streitest und danach deine Ungeduld und deinen Zorn erkennst – was tust du dann? Der Werkgerechte verzweifelt oder versucht, es durch verstärkte Anstrengung besser zu machen. Der gerechtfertigte Sünder aber bekennt seine Schuld, bittet um Vergebung bei Gott und beim Nächsten, und vertraut darauf, dass Christus seine Gerechtigkeit ist. Er bemüht sich um Besserung, ja, aber er gründet seinen Frieden nicht auf seine Besserung, sondern auf Christus.
Wenn du am Arbeitsplatz versagt hast, wenn du in der Versuchung gefallen bist, wenn dein Gebet kalt bleibt und dein Herz hart – was dann? Dann fliehe zu Christus! Erkenne deine Sünde, ja. Bekenne sie, ja. Kämpfe gegen sie, ja. Aber vertraue nicht auf deinen Kampf, sondern auf Christi Sieg. Vertraue nicht auf deine Besserung, sondern auf seine vollkommene Gerechtigkeit.
Paulus beschreibt diese Spannung eindrücklich in Philipper 3,12-14: „Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ich’s ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.“
So steht es um das christliche Leben: noch nicht vollkommen, und doch von Christus ergriffen; noch nicht am Ziel, und doch auf dem rechten Weg; noch Sünder im eigenen Wesen, und doch gerecht vor Gott um Christi willen. Wir tragen den alten Menschen mit uns, aber wir gehören dem neuen Menschen, den Christus schafft. Darum leben wir im Zwischenraum: angefochten und doch getröstet, schuldig und doch frei, sterbend und doch lebendig.
Diese Wahrheit bewahrt uns auch vor der tödlichen Selbstgerechtigkeit, die sich in frommen Gewändern kleidet. Wie leicht vergleichen wir uns mit anderen und denken: „Ich bin doch besser als jener. Ich habe doch mehr für Gott getan. Ich bin doch geheiligter.“ Das ist Gift für die Seele! Jesus erzählt in Lukas 18,9-14 vom Pharisäer und Zöllner. Der Pharisäer prahlt mit seinen Werken: „Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.“ Der Zöllner aber schlägt sich an die Brust und spricht: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Und Jesus sagt: „Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener.“
Verstehst du die gewaltige Lektion? Wer auf seine eigene Gerechtigkeit vertraut, geht nicht gerechtfertigt nach Hause. Wer aber seine Sünde bekennt und auf Gottes Gnade vertraut, der wird gerechtfertigt. Das ist simul iustus et peccator in der Praxis. Der Zöllner leugnet seine Sünde nicht, nein, er bekennt sie offen. Aber er verzweifelt nicht, sondern fleht um Gnade. Und er empfängt Rechtfertigung, nicht wegen seiner Würdigkeit, sondern trotz seiner Unwürdigkeit.
Diese Lehre ist auch der Schlüssel zum rechten Verständnis der Heiligung. Viele Christen quälen sich mit der Frage: „Warum werde ich nicht heiliger? Warum kämpfe ich immer noch mit denselben Sünden?“ Sie meinen, etwas sei grundlegend falsch mit ihnen. Höre die befreiende Wahrheit: Die Heiligung ist ein lebenslanger Prozess, der erst in der Herrlichkeit vollendet wird. Philipper 1,6 verheißt: „Der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.“
Deine Heiligung ist Gottes Werk in dir, nicht dein Werk für Gott. Du wächst in der Heiligung, ja, aber du wirst nie in diesem Leben sündlos sein. Wer das versteht, wird befreit von der erdrückenden Last falscher Perfektion und kann fröhlich in der Gnade leben. Er kämpft den guten Kampf des Glaubens, nicht um gerecht zu werden, sondern weil er bereits gerecht ist in Christus.
Der Hebräerbrief ermahnt uns in Hebräer 12,1-2: „Laßt uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“ Aufsehen zu Jesus – das ist der Kern der Sache. Nicht aufsehen auf unsere Leistung, nicht aufsehen auf unsere Heiligung, nicht aufsehen auf unseren Fortschritt, sondern aufsehen zu Jesus allein.
Diese Wahrheit ist auch ein mächtiges Werkzeug der Seelsorge. Wenn ein Christ zu dir kommt und unter seiner Sünde leidet, unter seiner Schwachheit verzagt – was sagst du ihm dann? Sagst du: „Du musst dich mehr anstrengen, mehr beten, mehr kämpfen“? Das mag wahr sein, aber es ist nicht die erste Antwort. Die erste Antwort muss sein: „Schaue auf Christus! Deine Gerechtigkeit liegt nicht in deinem Kampf, sondern in seinem Sieg. Vertraue auf sein vollbrachtes Werk.“
Erst wenn der Christ fest in dieser Rechtfertigung gegründet ist, erst wenn er weiß, dass seine Stellung vor Gott nicht von seiner Leistung abhängt, kann er frei und fröhlich den Weg der Heiligung gehen. Die Heiligung fließt aus der Rechtfertigung, nicht umgekehrt. Wir heiligen uns nicht, um gerecht zu werden, sondern weil wir bereits gerecht sind.
Paulus fasst diese Wahrheit wunderbar in Galater 2,20 zusammen: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.“ Nicht ich, sondern Christus – das ist das Geheimnis. Der alte Mensch ist gekreuzigt, der neue Mensch lebt in Christus. Und dennoch lebe ich noch „im Fleisch“, noch in diesem sterblichen Leib, noch in dieser sündhaften Welt. Simul iustus et peccator.
Abschließend, geliebter Christ, nimm diese Wahrheit in dein Herz und halte sie fest. Du bist ein Sünder – erkenne das täglich. Du bist gerecht in Christus – vertraue darauf täglich. Lebe nicht in Selbstsicherheit, als hättest du keine Sünde mehr. Lebe nicht in Verzweiflung, als hätte Christus nicht genug für dich getan. Lebe vielmehr in jener heiligen Spannung, die Paulus beschreibt: immer büßend, immer kämpfend, immer vertrauend.
Wenn du morgens aufwachst, bekenne: „Ich bin ein armer, elender Sünder.“ Und bekenne zugleich: „Aber Christus ist meine Gerechtigkeit, mein Leben, meine Heiligkeit.“ Wenn du abends zu Bett gehst und die Sünden des Tages dich anklagen, fliehe zu Christus. Bekenne deine Schuld, aber verzweifle nicht. Denn der dich gerecht gemacht hat, wird dich auch bewahren bis ans Ende.
Das ist die herrliche Wahrheit des Evangeliums: Wir sind zugleich gerecht und Sünder. Sünder in uns selbst, gerecht in Christus. Und diese Gerechtigkeit ist nicht eine schwankende, unsichere Hoffnung, sondern eine feste, gewisse Zusage des Gottes, der nicht lügen kann. Klammere dich an diese Wahrheit. Lebe aus dieser Wahrheit. Und preise Gott für diese Wahrheit, denn in ihr liegt alle Hoffnung für elende Sünder wie uns. Amen.
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