Am 15. August feiern unsere katholischen Geschwister Maria Himmelfahrt. Doch was bedeutet dieses Fest für uns Lutheraner? Steht es im Einklang mit Sola Scriptura? Darf die Allmacht Gottes beiseitegeschoben werden? Dieser Artikel beleuchtet biblisch-lutherisch, wie wir Maria als Glaubenszeugin ehren können, ohne Christus seine alleinige Mittlerschaft zu rauben.

Am 15. August ist es wieder soweit: In katholischen Kirchen erklingen festliche Lieder zur Himmelfahrt Mariens, der Gottesmutter. Prozessionen ziehen durch die Straßen, Kräuterbuschen werden gesegnet, und Gläubige versammeln sich zur Feier jenes Dogmas, das 1950 von Papst Pius XII. verkündet wurde: dass Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden sei. Doch was sollen wir evangelische Christen damit anfangen? Steht dieses Fest nicht im krassen Widerspruch zu unserem reformatorischen Grundsatz Sola Scriptura, der Heiligen Schrift allein?

Die Antwort ist differenzierter, als viele denken, und sie führt uns geradewegs in die Mitte unseres Glaubens: zu Christus allein.

Die Frage nach Maria Himmelfahrt berührt nicht nur historische Frömmigkeitstraditionen, sondern grundlegende theologische Weichenstellungen. Wenn wir als Lutheraner sagen „allein die Schrift“, dann meinen wir: Die Heilige Schrift ist die einzige Quelle und Norm unseres Glaubens. Was nicht in der Bibel steht oder aus ihr klar abgeleitet werden kann, darf nicht zur Heilsnotwendigkeit erhoben werden. Und hier liegt der entscheidende Punkt: In der gesamten Heiligen Schrift finden wir keine einzige Stelle, die von einer leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel berichtet. Paulus schweigt darüber. Die Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes erwähnen es nicht. Die Apostelgeschichte, die so ausführlich von der jungen Gemeinde nach der Himmelfahrt Christi berichtet, verliert kein Wort darüber.

Doch Vorsicht: Das bedeutet nicht, dass wir Maria gering achten dürfen! Martin Luther selbst, der Reformator, dem wir so viel verdanken, hatte eine bemerkenswert hohe Wertschätzung für Maria. In seinen Predigten nannte er sie die „reine, keusche Jungfrau“ und die „Gottesgebärerin“ (Theotokos). Er predigte sogar über die Himmelfahrt Mariens und hielt es zeitlebens für möglich, dass Gott sie in besonderer Weise erhöht hat; allerdings ohne dies zur Glaubenspflicht zu erheben.

Martin Luther unterschied klar: Was die Schrift lehrt, ist verbindlich; was fromme Tradition bezeugt, kann geglaubt werden, muss aber nicht. Diese evangelische Freiheit ist kostbar und darf nicht leichtfertig verspielt werden.

Schauen wir in die Heilige Schrift selbst. Das Neue Testament zeichnet Maria als eine Frau des Glaubens, der Demut und des Gehorsams. Im Lukasevangelium lesen wir die Verkündigungsgeschichte: „Der Engel trat zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!“ (Lukas 1,28). Maria erschrickt, doch der Engel beruhigt sie: „Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden“ (Lukas 1,30-32). Marias Antwort ist von überwältigender Einfachheit und Größe zugleich: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast“ (Lukas 1,38).

Hier steht keine Halbgöttin, sondern eine junge Frau, die sich ganz in den Willen Gottes fügt. Sie ist „Magd“, nicht Miterlöserin. Sie dient, sie empfängt, sie trägt aus – aber sie erlöst nicht.

Diese biblische Nüchternheit ist wichtig für unser Alltagsleben. Wie oft neigen wir dazu, Menschen auf Podeste zu heben, sie zu Idolen zu machen! Ob es der charismatische Prediger ist, der begnadete Musiker, der Fußballspieler, der uns begeistert und öffentlich betet, die hilfsbereite Nachbarin oder die eigene Mutter – wir alle haben die Tendenz, Geschöpfe an die Stelle des Schöpfers zu setzen. Paulus warnt uns eindringlich: „Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus“ (1. Timotheus 2,5). Nicht Maria, nicht Petrus, nicht irgendein Heiliger – Christus allein ist der Weg zum Vater (Johannes 14,6). Diese Klarheit ist keine lieblose Rechthaberei, sondern befreiende Wahrheit.

Zugleich würdigt die Heilige Schrift Maria auf wunderbare Weise. Im Magnifikat, ihrem Lobgesang, den wir in Lukas 1,46-55 lesen, offenbart sich eine tiefe theologische Reife. „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes, dass er die Niedrigkeit seiner Magd angesehen hat“ (Lukas 1,46-48a). Maria weiß: Sie braucht einen Heiland! Sie ist keine Sündlose, die keiner Erlösung bedürfte – sondern eine Begnadete, die aus reiner Gnade erwählt wurde. „Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist“ (Lukas 1,49).

Nicht Maria steht im Zentrum, sondern Gottes mächtiges Handeln an ihr. Sie ist Zeugin der Gnade, nicht deren Quelle.

Dieses biblische Marienbild hilft uns auch im praktischen Glaubensleben. Wenn wir an die Frauen und Mütter in unseren Gemeinden denken, an die vielen, die im Verborgenen dienen, die Kinder großziehen, die Kranke pflegen, die im Gebet ausharren – dann sind sie Marias Nachfolgerinnen. Nicht weil sie sündlos wären (das ist niemand außer Christus!), sondern weil sie wie Maria sagen: „Mir geschehe nach deinem Wort.“ Diese Haltung brauchen wir heute dringender denn je. In einer Zeit, in der Selbstverwirklichung und Autonomie als höchste Güter gelten, ist Marias Gehorsam eine radikale Gegenposition.

Die Schrift berichtet uns auch von Marias Treue unter dem Kreuz. „Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala“ (Johannes 19,25). Während die Jünger geflohen waren, hielt Maria aus. Sie sah ihren Sohn sterben – den Sohn, den der Engel als „Sohn des Höchsten“ angekündigt hatte. Welch eine Anfechtung muss das gewesen sein! Doch Maria bleibt. Sie glaubt gegen den Augenschein.

Das ist echte Glaubenstreue. Und Jesus würdigt sie, indem er vom Kreuz herab für sie sorgt: „Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich“ (Johannes 19,26-27). Maria wird in die neue Familie des Glaubens eingegliedert, die Gemeinde Jesu Christi.

Nach der Auferstehung lesen wir noch einmal von Maria. In der Apostelgeschichte heißt es: „Diese alle waren stets beieinander einmütig im Gebet samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern“ (Apostelgeschichte 1,14). Maria ist Teil der betenden Urgemeinde, sie wartet auf die Ausgießung des Heiligen Geistes. Sie ist nicht über der Gemeinde, sondern in ihr. Sie betet nicht als Mittlerin, sondern als Beterin.

Danach verliert sich ihre Spur in der Schrift. Wir erfahren nichts über ihren Tod, nichts über eine Himmelfahrt. Und das ist auch gut so! Denn die Heilige Schrift will unseren Blick auf Christus lenken, nicht auf seine Mutter.

Die Frage der Himmelfahrt Mariens führt uns also zurück zum Grundprinzip Sola Scriptura. Wenn die Heilige Schrift schweigt, dürfen wir nicht dogmatisieren. Das ist nicht Lieblosigkeit gegenüber Maria, sondern Treue zu Gottes Wort.

Die römisch-katholische Kirche hat 1950 mit der Dogmatisierung der Himmelfahrt Mariens einen Schritt getan, den wir als Lutheraner nicht mitgehen können, weil er über die Schrift hinausgeht. Doch das heißt nicht, dass wir Maria nicht ehren dürfen! Luther selbst sagte in seiner Auslegung des Magnifikats 1521: „Sie ist die liebste und höchste nach Christus.“ Wir ehren Maria als Vorbild des Glaubens, als Zeugin der Gnade, als treue Jüngerin – aber wir beten sie nicht an und erheben sie nicht zur Miterlöserin.

Was bedeutet das für uns heute, im Alltag unseres Glaubens und in der Nachfolge Jesu? Erstens: Wir dürfen Maria als Glaubensvorbild würdigen. Ihr „Mir geschehe nach deinem Wort“ ist eine Haltung, die wir täglich einüben sollen. Zweitens: Wir bleiben nüchtern und schriftgebunden. Was nicht in der Bibel steht, ist nicht heilsnotwendig. Drittens: Wir bleiben im Gespräch mit unseren katholischen Geschwistern, respektvoll, aber klar in der Sache. Viertens: Wir bekennen gemeinsam mit Maria: Christus allein ist Heiland, Christus allein ist Mittler, Christus allein ist würdig, angebetet zu werden.

Die Allmacht Gottes steht nicht außen vor, wenn wir Maria nicht zur Himmelskönigin erheben. Im Gegenteil: Gottes Allmacht zeigt sich gerade darin, dass er eine einfache Magd erwählte, um seinen Sohn in die Welt zu bringen. „Denn was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich“ (Lukas 18,27). Maria ist Zeugnis für Gottes souveränes Handeln, nicht für menschliche Größe. Und wenn wir das verstehen, dann können wir mit Maria einstimmen in ihr Lied: „Meine Seele erhebt den Herrn!“ Nicht Maria erheben wir, sondern den Herrn. Das ist lutherische Klarheit, biblische Treue und seelsorgerliche Weisheit zugleich. Amen.