Eine der heimtückischsten Waffen des Feindes ist nicht die Verfolgung von außen, sondern die Zerstörung von innen. Wenn Christen sich gegenseitig als Irrlehrer brandmarken und bekämpfen, steht nicht Gottes Geist dahinter, sondern der Widersacher selbst.
Wir stehen heute vor einem Abgrund, der sich mitten durch den Leib Christi zieht. Es ist nicht die Verfolgung durch die Welt, die uns am meisten bedroht, sondern die Selbstzerfleischung innerhalb der Gemeinde Jesu Christi. Der Apostel Paulus warnt uns eindringlich: – Wenn ihr euch aber untereinander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht einer vom andern aufgefressen werdet (Galater 5,15). Diese Worte sind nicht als poetische Metapher gemeint, sondern als ernste prophetische Warnung vor einer Realität, die wir heute in erschreckendem Ausmaß erleben.
Lasst uns zunächst die geistliche Wirklichkeit erkennen, in der wir stehen. Der Apostel Paulus macht in seinem Brief an die Epheser deutlich: – Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel (Epheser 6,12). Wenn Christen sich gegenseitig als falsche Propheten und Irrlehrer bezeichnen, wenn sie sich bekämpfen, verurteilen und richten, dann haben sie vergessen, wer der wahre Feind ist. Sie haben ihre geistlichen Waffen gegen die eigenen Geschwister gerichtet, anstatt gegen die Mächte der Finsternis, die genau dies bezwecken.
Vor allem in den sozialen Netzwerken – und besonders unter sehr eifrigen jungen Christen – ist diese Haltung weit verbreitet. Man möchte sich als „echter“, „kluger“ oder „reifer“ Christ beweisen, indem man andere korrigiert, entlarvt oder öffentlich zurechtweist. Doch dieser geistliche Ehrgeiz ist oft ein verkleideter Stolz. Er führt dazu, dass man Brüder und Schwestern nicht mehr als Mitkämpfer sieht, sondern als Gegner, die man übertreffen oder widerlegen muss. So wird das geistliche Leben zu einem Wettbewerb um Rechtgläubigkeit, statt zu einem gemeinsamen Ringen um Christus. Genau hier greifen die Mächte der Finsternis ein: Sie nähren den Drang, sich selbst zu erhöhen, und zerstören die Einheit, die der Heilige Geist wirkt.
Der Widersacher ist listig. Satan bedeutet übersetzt „Ankläger“ und genau das ist seine Strategie. In der Offenbarung des Johannes Kapitel 12, Vers 10 wird er beschrieben als – der Verkläger unserer Brüder, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott. Seht ihr die Tragödie? Wenn Christen sich gegenseitig verklagen und anklagen, dann tun sie exakt das Werk des Teufels. Sie werden zu seinen Werkzeugen, zu seinen unwissenden Handlangern. Der Feind muss nicht einmal mehr selbst aktiv werden. Er lehnt sich zurück und schaut zu, wie die Gemeinde Jesu sich selbst zerstört.
Jesus erkannte aber ihre Gedanken und sprach zu ihnen: – Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet; und jede Stadt oder jedes Haus, das mit sich selbst uneins ist, kann nicht bestehen. Wenn nun der Satan den Satan austreibt, so muss er mit sich selbst uneins sein; wie kann dann sein Reich bestehen? (Matthäus12, 25-26). Wenn diese Wahrheit für das Reich der Finsternis gilt, wie viel mehr dann für das Reich Gottes. Eine zerstrittene Gemeinde kann nicht bestehen. Eine Gemeinde, in der sich Geschwister gegenseitig als Häretiker bezeichnen und in der Misstrauen, Verdächtigungen und öffentliche Anschuldigungen an der Tagesordnung sind, hat ihre Kraft verloren. Sie ist handlungsunfähig geworden für die Mission, zu der Christus sie berufen hat.
Nun mag jemand einwenden: „Aber wir müssen doch die Wahrheit verteidigen! Wir müssen doch gegen falsche Lehre kämpfen!“ Ja, gewiss. Die Heilige Schrift ruft uns dazu auf, die gesunde Lehre zu bewahren. Paulus schreibt an Titus über den Ältesten, dass – er halte sich an das Wort der Lehre, das gewiss ist, damit er die Kraft habe, zu ermahnen mit der heilsamen Lehre und zurechtzuweisen, die widersprechen (Titus 1,9).
Aber beachtet genau den Geist, in dem dies geschehen soll. – Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streitsüchtig sein, sondern freundlich gegen jedermann, im Lehren geschickt, der Böses ertragen kann und mit Sanftmut die Widerspenstigen zurechtweist, ob ihnen Gott vielleicht Buße gebe, die Wahrheit zu erkennen (2. Timotheus 2, 24-25).
Das ist der Unterschied! Es geht um Sanftmut, nicht um Aggressivität. Es geht um Zurechtweisen in Liebe, nicht um öffentliche Demütigung. Es geht darum, dass Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, nicht darum, dass wir als vermeintlich Rechtgläubige triumphieren. Der Geist Gottes führt zur Demut und zur Liebe, der Geist des Widersachers zu Stolz, Rechthaberei und Verachtung. Wenn wir in unserem Eifer für die Wahrheit den anderen zum Feind erklären, ihn öffentlich bloßstellen, seinen Ruf zerstören und seine Person verachten, dann mögen wir vielleicht die richtige Lehre auf unserer Seite haben, aber wir haben den Geist Christi verloren.
Jesus selbst hat uns in Johannes 13,35 gesagt: – Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt. Nicht an der Reinheit unserer Lehre werden uns die Menschen erkennen, so wichtig sie auch ist, sondern an der Liebe, die wir einander erweisen. Wenn die Welt sieht, wie Christen sich gegenseitig zerfleischen, sich öffentlich denunzieren und sich in sozialen Medien wie auch auf Kanzeln verurteilen, wie soll sie dann unserem Evangelium Vertrauen schenken. Wie soll sie glauben, dass Christus die Macht hat, Menschen zu verändern, wenn seine eigenen Nachfolger sich verhalten wie die Welt.
Und wenn die Welt nicht mehr erkennen kann, dass wir wahre Nachfolger Christi sind, wenn es keinen Unterschied mehr gibt zwischen dem Leben der Welt und dem Leben der Gemeinde, dann verliert unser Zeugnis seine Glaubwürdigkeit. Eine Kirche, die sich nicht mehr unterscheidet, kann auch nichts mehr bezeugen. Wo die Liebe erlischt, erlischt auch das Licht, das Christus in uns entzünden will.
Der Apostel Jakobus warnt uns in seinem Brief: – Habt ihr aber bittern Neid und Streit in eurem Herzen, so rühmt euch nicht und lügt nicht der Wahrheit zuwider. Das ist nicht die Weisheit, die von oben herabkommt, sondern sie ist irdisch, niedrig und teuflisch. Denn wo Neid und Streit ist, da sind Unordnung und lauter böse Dinge (Jakobus 3,14-16).
Beachtet diese ernsten Worte: Jakobus nennt den Geist des Streites und der Entzweiung „teuflisch“; nicht bloß menschlich, nicht nur fleischlich, sondern teuflisch. Wenn wir also in der Gemeinde einen Geist der ständigen Anklage, des Misstrauens und der gegenseitigen Verurteilung antreffen, dann müssen wir erkennen, dass hier nicht der Heilige Geist wirkt. Die ständige Einwendung „Aber wir müssen doch die Wahrheit verteidigen! Wir müssen doch gegen falsche Lehre kämpfen!“ rechtfertigt nicht, dass wir uns teuflisch verhalten und einander wie Feinde zerfleischen.
Lasst uns tiefer schauen. Warum werden Christen in dieser Hinsicht so leicht zu Werkzeugen des Widersachers? Ich sehe mehrere Gründe. Erstens: Stolz und Selbstgerechtigkeit. Wir meinen, die Wahrheit gepachtet zu haben. Wir sehen den Splitter im Auge unseres Bruders, aber den Balken im eigenen Auge übersehen wir oft all zu gerne – genau so, wie Jesus es in Matthäus 7,3–5 beschreibt.
Zweitens: geistliche Unreife. Viele Christen verwechseln Eifer mit Heiligkeit. Sie meinen, Lautstärke sei gleichbedeutend mit Klarheit, und Härte mit Treue zur Wahrheit. Doch geistliche Reife zeigt sich nicht in Rechthaberei, sondern in der Fähigkeit, die eigene Begrenztheit zu erkennen und den Bruder mit Geduld zu tragen – zu ertragen.
Drittens: mangelnde Herzensprüfung. Wir kämpfen oft nicht für die Wahrheit, sondern für unser eigenes Ego. Unter dem Deckmantel der „Verteidigung der Lehre“ verbergen sich manchmal verletzte Gefühle, alte Konflikte oder der Wunsch, sich selbst zu erhöhen. Wenn wir unsere Motive nicht prüfen, kann der Widersacher sie leicht verdrehen.
Viertens: fehlende Gottesfurcht. Wer Gott fürchtet, wird vorsichtig im Urteil über den Bruder. Wer aber Menschenfurcht oder Selbstfurcht hat, urteilt schnell, hart und unbarmherzig. Wo die Ehrfurcht vor Gott schwindet, wächst die Härte gegenüber Menschen.
Fünftens: mangelnde Liebe zur Gemeinde. Wenn uns die Geschwister nicht wirklich am Herzen liegen, fällt es leicht, sie zu verletzen. Wer aber die Gemeinde liebt, wird alles daransetzen, sie zu bewahren, zu schützen und zu erbauen – nicht zu spalten.
Sechstens: Mangel an Liebe. Ohne Liebe wird jede Wahrheit hart, kalt und zerstörerisch. Wahrheit ohne Liebe ist nicht mehr die Wahrheit Christi. Wenn die Liebe fehlt, wird selbst der richtige Standpunkt zum falschen Geist. Wo die Liebe erlischt, verliert jede Ermahnung ihre Kraft und jede Korrektur ihren Segen. Die wahre Liebe sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu. Wie viele theologische Streitigkeiten würden sich auflösen, wenn wir diese Liebe praktizierten?
Siebtens: Angst. Viele Christen handeln nicht aus Vertrauen, sondern aus Furcht; aus Angst vor Irrlehre, vor Abfall, vor Kompromiss. Doch Angst ist ein schlechter Ratgeber. Wer aus Angst handelt, wird misstrauisch, scharf und übervorsichtig. Angst führt nicht zur Klarheit, sondern zur Fanatismus. Der Geist Gottes wirkt nie durch Angst, sondern durch Frieden, Gewissheit und Liebe. Paulus schreibt: – Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit (2.Timotheus 1,7).
Besonnenheit, das ist es, was uns heute so oft fehlt. Besonnenheit bedeutet, nicht jede theologische Meinungsverschiedenheit zur Irrlehre zu erklären. Es bedeutet, zwischen Kernwahrheiten des Glaubens und sekundären Fragen zu unterscheiden. Es bedeutet, den Bruder, der in einem Punkt anders denkt als ich, nicht sofort als falschen Propheten zu brandmarken. Der Reformator Rupertus Meldenius prägte den weisen Satz: „In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas“ – das bedeutet übersetzt: In notwendigen Dingen Einheit, in zweifelhaften Freiheit, in allem Liebe. Wie viel Leid wäre der Kirche erspart geblieben, wenn wir diesem Grundsatz treu geblieben wären!
Rupertus Meldenius, eigentlich ein Pseudonym des lutherischen Theologen Peter Meiderlin, lebte im frühen 17. Jahrhundert, mitten in einer Zeit heftiger theologischer Konflikte und kirchlicher Spaltungen. Sein berühmter Satz entstand nicht aus theoretischer Überlegung, sondern aus tiefem Schmerz über die Zerstrittenheit der Christen. Meldenius sah, wie Gemeinden und ganze Regionen durch unnötige dogmatische Kämpfe zerrissen wurden. Sein Anliegen war nicht Beliebigkeit, sondern geistliche Ordnung: Einheit in dem, was Christus selbst als unverzichtbar offenbart hat; Freiheit in dem, was nicht heilsentscheidend ist; und Liebe als Grundton aller Auseinandersetzung. Dieser Satz ist bis heute einer der klarsten und weisesten Maßstäbe für christliche Streitkultur – und ein Ruf zurück zu einer Haltung, die Christus selbst uns gelehrt hat.
Paulus zeigt uns in Römer 14 einen erstaunlich weisen und liebevollen Umgang mit unterschiedlichen Überzeugungen innerhalb der Gemeinde. Er spricht dort über Streitfragen zu Speisen und Festtagen – Themen, die damals ganze Gemeinschaften spalten konnten. In Vers 1 schreibt er: – Den Schwachen im Glauben nehmt an und verwirrt ihn nicht mit Streitfragen. Und in Vers 3 heißt es: – Wer isst, der verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, der richte den nicht, der isst; denn Gott hat ihn angenommen. Seht ihr die Haltung? Keine Verachtung, kein Richten, kein Hochmut. Der Grund dafür ist ebenso schlicht wie tief: – Denn Gott hat ihn angenommen. Wenn Gott einen Bruder angenommen hat, wer bin ich, ihn zu verwerfen?
In Vers 4 führt Paulus diesen Gedanken weiter: – Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem Herrn. Er wird aber stehen bleiben; denn der Herr kann ihn aufrecht halten. Paulus erinnert uns daran, dass jeder Christ zuerst Christus gehört. Wir sind nicht Herren über das Gewissen unseres Bruders. Wir sind nicht Richter über seine Motive. Christus allein ist sein Herr – und Christus allein ist fähig, ihn zu tragen, zu korrigieren und zu bewahren. Diese Haltung der Demut und Zurückhaltung ist das Gegenmittel gegen den geistlichen Hochmut, der so leicht in Streit und Spaltung führt.
Dies bedeutet nicht, dass es keine klaren Grenzen gibt. Es gibt Lehren, die das Fundament des Glaubens angreifen. Wenn jemand die Gottheit Christi leugnet, wenn jemand die Erlösung durch Werke statt durch Gnade verkündigt oder ein anderes Evangelium predigt, dann müssen wir widerstehen. Paulus selbst tut dies im Galaterbrief mit großer Klarheit. In Kapitel 1, Verse 8 bis 9 schreibt er: – Aber auch wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht. Wie wir eben gesagt haben, so sage ich abermals: Wenn jemand euch ein Evangelium predigt, anders als ihr es empfangen habt, der sei verflucht.
Hier geht es um das Evangelium selbst, um die Botschaft der Gnade Gottes in Jesus Christus. An diesem Punkt gibt es keine Kompromisse.
Aber beachtet, was Paulus nicht tut. Er greift nicht die Person an, sondern die Lehre. Er zerstört nicht den Ruf eines Menschen, sondern warnt vor der falschen Botschaft. Und selbst dort, wo seine Worte scharf sind, bleibt sein Ziel immer die Wiederherstellung, nicht die Vernichtung. In 2. Korinther 2,5–8 spricht er über jemanden, der zurechtgewiesen werden musste, und schreibt: – So ist es nun genug mit solcher Strafe, die ihm von der Mehrheit auferlegt worden ist, sodass ihr ihm nun im Gegenteil vergeben und ihn trösten sollt, damit er nicht etwa von zu großer Traurigkeit verschlungen wird. Darum ermahne ich euch, ihm Liebe zu erweisen.
Paulus zeigt damit eine Haltung, die wir heute dringend brauchen: Klarheit in der Sache, aber Barmherzigkeit gegenüber der Person. Wahrheit und Liebe gehören zusammen. Wo die Wahrheit ohne Liebe auftritt, wird sie hart und zerstörerisch. Wo die Liebe ohne Wahrheit auftritt, wird sie schwach und beliebig. Paulus hält beides zusammen – und genau darin liegt die Kraft des Evangeliums.
Wir müssen verstehen, dass der Widersacher genau dies will: uns entzweien, uns gegeneinander aufbringen, uns zu Richtern übereinander machen. In 1 Petrus 5,8 heißt es: – Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Er will uns verschlingen – und eine seiner effektivsten Strategien besteht darin, uns gegeneinander zu hetzen. Wenn wir mit Anklagen, Misstrauen und Verurteilungen beschäftigt sind, verlieren wir Zeit, Kraft und geistliche Klarheit. Dann bleibt keine Energie mehr für die eigentliche Mission der Gemeinde: das Evangelium zu verkündigen, die Liebe Christi sichtbar zu machen und den Verlorenen nachzugehen.
Jesus Christus selbst betet in seinem hohepriesterlichen Gebet in Johannes 17 nicht zuerst für Rechtgläubigkeit, sondern für Einheit. In Johannes 17,20–21 spricht er: – Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. Die Einheit der Gläubigen ist kein nebensächliches Anliegen. Sie ist ein sichtbares Zeugnis für die Welt. Wenn wir zerstritten sind, leidet die Glaubwürdigkeit unseres Zeugnisses – und die Welt kann nicht mehr erkennen, dass Christus wirklich unter uns wirkt.
Was ist also die rechte Antwort? Was sollen wir tun in einer Zeit, in der theologische Streitigkeiten die Gemeinde zerreißen? Zunächst müssen wir Buße tun. Wir müssen erkennen, dass wir uns schuldig gemacht haben. Wir haben uns verführen lassen, die Waffen gegen unsere Geschwister zu richten statt gegen den wahren Feind. Wir haben gerichtet, wo wir hätten lieben sollen. Wir haben verdammt, wo wir hätten vergeben sollen. Darum müssen wir zu Gott zurückkehren, unsere Schuld bekennen und ihn um Vergebung bitten. Dann müssen wir zurückkehren zum Geist Christi.
In Philipper 2,3–5 schreibt Paulus: – Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst. Ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient. Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht.“
Diese Gesinnung Christi; das ist es, was wir brauchen. Eine Haltung der Demut, der Selbstverleugnung, der Hingabe. Eine Gesinnung, die nicht nach eigener Ehre sucht, sondern nach dem Wohl des Bruders. Eine Gesinnung, die nicht trennt, sondern verbindet; die nicht richtet, sondern trägt; die nicht verletzt, sondern heilt. Nur wenn wir in dieser Gesinnung Christi leben, kann die Gemeinde wieder zu dem werden, was sie sein soll: ein sichtbares Zeugnis der Liebe Gottes in einer zerrissenen Welt.
Weiter müssen wir lernen, die Wahrheit in Liebe zu sagen. In Epheser 4,15 lesen wir: – Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus. Wahrhaftig sein in der Liebe bedeutet nicht, die Wahrheit zu verschweigen. Es bedeutet, sie so auszusprechen, dass sie aufbaut und nicht niederreißt. Es bedeutet, den Bruder zu konfrontieren, wenn es nötig ist; aber im Geist der Sanftmut, mit einem Herzen, das auf Wiederherstellung zielt und nicht auf Verletzung. Wahrheit in Liebe ist kein Kompromiss, sondern die Haltung Christi selbst: klar in der Sache, barmherzig gegenüber der Person. Wir müssen auch lernen, einander zu ertragen.
In Kolosser 3,12–14 lesen wir: – So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist.
Dieses – einander ertragen ist kein resigniertes Dulden, sondern ein aktives Tragen des Bruders. Es bedeutet, Geduld zu üben, auch wenn der andere uns herausfordert. Es bedeutet, zu vergeben, weil Christus uns vergeben hat. Und über allem steht die Liebe; nicht als Gefühl, sondern als verbindende Kraft, die die Gemeinde zusammenhält und zur Vollkommenheit führt. Wo diese Liebe regiert, verliert der Streit seine Macht, und die Gemeinde wird zu einem Ort, an dem Christus sichtbar wird.
Und schließlich müssen wir beten. Beten für die, die anders denken als wir. Beten für jene, die wir vielleicht vorschnell als Irrlehrer betrachtet haben. Beten für Einheit im Leib Christi. Beten, dass der Heilige Geist uns alle in die Wahrheit führt – so wie Jesus es in Johannes 16,13 verheißen hat: – Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen.
Darum lasst uns aufhören, Werkzeuge des Widersachers zu sein. Lasst uns aufhören, einander zu bekämpfen. Stattdessen lasst uns gemeinsam gegen die Mächte der Finsternis stehen; gegen die Sünde, gegen die Ungerechtigkeit, gegen alles, was das Leben zerstört. Lasst uns vereint stehen im Glauben an Jesus Christus, der für uns alle gestorben und auferstanden ist. Lasst uns die Einheit suchen, die er für uns erworben hat. Und lasst uns der Welt zeigen, dass die Liebe Christi stärker ist als jede Meinungsverschiedenheit, stärker als jeder Streit, stärker sogar als der Tod. Denn in Christus sind wir eins.
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